Russlanddeutsche sind immer wieder in den Medien. Oft ist in der deutschen Gesellschaft nicht bekannt, welche Geschichte hinter dieser heterogenen Gruppe steckt. Das möchte die freie Journalistin Ira Peter ändern: mit journalistischen Beiträgen, kulturellen Projekten, als Rednerin bei Veranstaltungen, im Podcast „Steppenkinder“ (zusammen mit Edwin Warkentin) und auch mit ihrem neuen Buch „Deutsch genug?“, welches im Herbst bereits in der 3. Auflage erscheint. osTraum hat Ira nun drei Fragen gestellt, die aus unserer Sicht und vermutlich auch für unsere Leser*innen am spannendsten sind.
osTraum: Wie stehst du zum Begriff „Russlanddeutsch“?
Ira Peter: Der Begriff ist oft missverständlich und ich merke, dass ich es bei jeder Gelegenheit erklären muss, weil die meisten Menschen an die Russische Föderation denken. Damit hat der Begriff nichts zu tun, sondern er bezieht sich auf das zaristische Russland, in das einst Menschen aus den deutschen Kleinstaaten eingewandert sind. Ich merke immer wieder, dass er nicht nur zu Missverständnissen führt, sondern auch dazu, dass falsche Annahmen über Russlanddeutsche gemacht werden, weil man den Begriff nicht richtig versteht. Aus diesem Grund bin ich dafür, neue Begriffe für diese Menschen zu finden. Weil es sonst der Gruppe schadet. Ich glaube, die Herkunft ist einfacher zu verstehen, wenn man sagt: „Ich bin Deutsche:r aus Kasachstan, Deutsche:r aus Russland, Deutsche:r aus der Ukraine“, oder sagt, „meine Großeltern waren Ukrainedeutsche“.

ostraum Was war deine gröẞte Herausforderung beim Schreiben des Buches? Wurde dein Buch missverstanden oder gab es auch negative Reaktionen?
Ira Peter: Ich bin immer wieder an den Punkt gekommen, wo ich keine Auskunft erhalten habe und wo ich nicht wusste, wie ich jetzt an eine valide Datenbasis komme, die zum Beispiel eine Annahme von mir stützt oder mir überhaupt Annahmen ermöglicht. Das war bei verschiedenen Themen so, z.B. bei der Anerkennung der mitgebrachten Berufsabschlüsse aus der UdSSR. Da wollte ich gerne wissen, wie viel Prozent nun anerkannt wurden und wie viel nicht. Ich habe verschiedene Ministerien angeschrieben, Stellen von der Arbeitsagentur für Arbeit, Anerkennungsstellen etc. und es hieß immer: „es gibt keine Gesamtzahlen, fragen Sie doch beim Bundesarchiv nach.“ Ich habe keine Auskunft erhalten. Ich habe dann einige Studien gefunden, kombiniert und eine Schätzung hat ergeben, dass es 90 Prozent nicht anerkannter Abschlüsse waren. Ich habe mit der Zeit verstanden, dass es keine Gesamtzahlen gibt, weil die Zuständigkeiten so unterschiedlich waren – es gab keine zentrale Stelle für die Anerkennung und deswegen verstehe ich, dass es mühsam wäre, dies heute irgendwie nachvollziehbar zu machen. Solche Situationen hatte ich einige Male. Auch , dass die Datenlage total verwirrend war, z.B. bei der Jugendkriminalität und Jugendgewalt unter russlanddeutschen Eingewanderten in den 1990er Jahren. Dazu gibt es unendlich viele Studien, die sich in Teilen komplett widersprechen. Die einen sagen, sie waren nicht auffällig, die anderen hingegen, es gibt eine gewisse Auffälligkeit. Im Großen und Ganzen musste ich mir dann selbst überlegen, was sinniger ist und wofür die meisten Studien dann doch sprechen. Das war wirklich mühsam.

Auch beim Thema rassistische Übergriffe auf Menschen aus Osteuropa, die hier eingewandert sind, habe ich zunächst gar nichts gefunden. Bis ich anfing, diese kleinen Anfragen im Bundestag zu lesen, die ja alle online sind. Daraufhin fand ich es einfach nur erschreckend, wie viele Menschen gestorben sind und wie viele Angriffe es auf Aussiedlerheime gab. Das habe ich damals alles zum einen nicht mitbekommen, weil ich jung war, aber zum anderen war es, glaube ich, kein Teil der öffentlichen Diskussion. Es ist bis heute kein Thema.
Ich fand es auch interessant zu sehen, was damals Teil des Diskurses war und was nicht. Wie viele Differenzen es zwischen den real existierenden Problemen und den medial diskutierten gab und gibt, das finde ich bis heute erschreckend. Das hat mich immer wieder frustriert.
Herausfordernd war auch, dass ich zum Beispiel zur AfD und der russischen Großinvasion in der Ukraine unglaublich viel sagen wollte und unglaublich viel geschrieben habe, aber dann doch stark kürzen musste, weil dieses Buch einfach nur etwas mehr als 200 Seiten umfasst und ich natürlich nicht alles vollumfänglich erklären kann, zumal vieles kaum Relevanz für die meisten Lesenden hat. Zu lernen, sich auf das Nötigste zu konzentrieren, ist nicht einfach.
Zu der Frage des Negativen: Alte Wunden werden bei vielen aufgerissen mit dem Buch, aber das führt dann zu positiver Rückmeldung, weil die Menschen sagen: „Wie gut, dass du das ansprichst. Ich habe die ganze Zeit geweint, ich habe verstanden, dass ich mit meiner Scham nicht allein war. Das heilt.“ Das ist dann eher positiv. Ich bin mir sicher, dass es Menschen gibt, die mein Buch nicht gut finden, aber die haben mir noch nicht geschrieben. Oder ich bin ihnen noch nicht begegnet. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen vielleicht nicht mit den beiden Kapiteln AfD und Russland einverstanden sind. Aber das sind Menschen, die mir nicht schreiben. Was ich mir auch vorstellen kann, weil ich den Fall mal bei einer Lesung hatte, dass ein Mann in meinem Alter auf mich zukam, der offensichtlich AfD- und Putin-Anhänger war, der mein Buch trotzdem wichtig und gut fand. Weil die anderen Teile, abseits von diesen zwei Kapiteln, Themen sind, mit denen er sich identifizieren kann und die er wichtig findet in der öffentlichen Debatte. Ich glaube, das andere verzeiht man mir oder sie lesen die hinteren Kapitel nicht mehr. Ich weiß es nicht.
osTraum: Die 1. Auflage deines Buches ist ausverkauft. Bald auch die zweite. Was sind deine Zukunftspläne für die nächsten 2-5 Jahre – neben einer dritten Auflage?
Ira Peter: Ich werde meinem Verlag vielleicht ein zweites Buch vorschlagen. Mal gucken, ob sie Lust haben. Ich werde das Thema fortsetzen. Ich habe ja die postsowjetische Belastungsstörung angerissen, vielleicht geht es in diese Richtung. Es ist noch nicht final ausformuliert.
Ich glaube, dass ich noch politischer werde. Ich habe das Gefühl, dass ich mit meiner Reichweite, die ich mir jetzt erarbeitet habe und mit der Stimme, die ich nun habe und die in dieser Gesellschaft wahrgenommen wird, einiges erreichen kann. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass der Rechtsstaat erhalten bleibt, die Demokratie gestärkt wird und bestimmte Parteien nicht an die Macht kommen.

Es ist wichtig, sich zu engagieren. Ich bin oft frustriert und ich denke, was bringt das alles und es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber auf der anderen Seite sehe ich, dass es was bringt. Weil ich nicht alleine bin. Es gibt viele Menschen, die so denken wie ich. Wir wollen in diesem Land leben. Wir wollen, dass es ein sicheres Land ist.
Titelbild: osTraum Visual, Foto © Arthur Bauer
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