Am 30.11.2023 erreichte die Verfolgung und Diskriminierung von LGBTIQ* in Russland einen neuen Höhe- bzw. Tiefpunktpunkt – der Oberste Gerichtshof Russlands hat die „Internationale LGBT-Bewegung” zu einer extremistischen Organisation erklärt. Die Mitgliedschaft in einer solchen Organisation hat bis zu 12 Jahren Gefängnis zur Folge. Dass solch eine Organisation unter dem Namen, den das Gericht definiert hat, gar nicht existiert, ist dabei nebensächlich. Tatsächlich sind unter dem Namen alle Organisationen und inoffizielle Vereinigungen gemeint, die irgendwas mit LGBTIQ* zu tun haben. Das ist ein neues düsteres Kapitel in der Geschichte der russischen LGBTIQ*.
Die UdSSR war eines der ersten Länder, die den Geschlechtsverkehr von zwei Männern entkriminalisierte, nämlich 1917. Damals wurde das Strafgesetzbuch aus der Zeit des Russischen Zarenreiches endgültig abgeschafft und damit auch die Verfolgung von homosexuellen Männern. Das war jedoch nur eine Seite der Medaille.
Bereits Anfang der 1930er Jahre wurde schwuler Sex wieder unter Strafe gestellt. So begann die bis jetzt wenig bekannte Geschichte der Unterdrückung von schwulen Männern in der Sowjetunion. Diese Geschichte ist auch der Titel des neuen Buches von Rustam Alexander. Dieses Jahr bei Manchester University Press erschienene Werk trägt den Titel “The Hidden History of Gay Oppression in the USSR”. Rustam Alexander ist Historiker, mit einem Schwerpunkt auf LGBTIQ*Geschichte im 20. Jahrhundert und hat als erster Wissenschaftler die Diskriminierung von homosexuellen Männern in der UdSSR systematisch aufgearbeitet.
Alexander liefert mit seinem Buch eine komplette Geschichte der Homosexualität in der UdSSR von der Zeit, als Stalin sie rekriminaliserte, bis hin zum Fall der Sowjetunion. Ausgehend von anekdotenhaft rekonstruierten Einzelfällen und oftmals aus gerichtlichen Fallakten, wird eine Schilderung des grausamen Unrechts, das schwule Männer in dieser Zeit erfahren haben, lebendig. Der Autor entwirft, ausgehen von den gesammelten Informationen, ein gesellschaftliches, politisches und medizinhistorisches Panorama des Umgangs der sowjetischen Gesellschaft mit der Homosexualität und den Homosexuellen. Gleichzeitig scheut er sich nicht davor, immer wieder Gleichzeitigkeiten und Widersprüche zu betonen und so Zwischentöne zu schaffen. Indem Alexander die Simultanität der unglaublich schweren Repression, aber auch die Scham der Verantwortlichen, das Wort Homosexualität überhaupt auzusprechen und deren Unkenntniss, betont, schafft er es gekonnt eine stereotype Einseitigkeit zu vermeiden.
Unter Stalin: Rekriminalisierung und Repression
Das wird besonders deutlich, als er in seinem ersten Kapitel “Unter Stalin” (die Kapitel sind chronologisch aufgebaut und nach den Führern der Sowjetunion benannt von Stalin bis Gorbatschow), beschreibt, wie die Rekriminaliserung von schwulen Männern 1933 erfolgte.
Als Stalin der Vorschlag vorgelegt wurde, schwule Männer zu verfolgen, schrieb er “Pederast” an den Rand, ein Schimpfwort, was so interpretiert werden kann, dass Stalin neben den üblichen Schimpfwörtern und Vorurteilen keinen tieferen Einblick in die Welt schwuler sowjetischer Männer hatte und sie in seiner Weltvorstellung nur unter beleidigenden Begriffen existierten. Davon zeugt auch das Gesetz, welches daraus entstand. Das Prahraph 121 des sowjetischen Strafgesetzbuches ab 1933 stellte sowohl einvernehmlichen als auch unfreiwilligen Sex zwischen Männern unter gleiche Strafe. Von Beginn an war das einzige Mittel, um einvernehmlichen Sex nachzuweisen, erzwungene Geständnisse, wie sie massenhaft durch die Geheimpolizei von politischen Gegnern Stalins und der Sowjetunion unter Folter erzwungen wurden.
Ambivalenzen und Zwischentöne in der sowjetischen Gesellschaft
Niemals wurde offiziell bekanntgegeben, dass ein solches Gesetz im sowjetischen Strafgesetzbuch existiert. Vielmehr nutzte Stalin den berühmten Schriftsteller Maxim Gorki als Sprachrohr der Regierung in diesem Kontext. 1934 gabe Gorki in einem Artikel in der Pravda bekannt, dass die Zerstörung der Homosexualität auch das Verschwinden des Faschismus bedeuten würde. Damit begannen die Verhaftungen, Ermordungen und Deportationen von Homosexuellen. Diese Ambivalenzen ziehen sich durch das ganze Buch.
So wird in dem Kapitel “Unter Chrustschow“ der Fall eines schwulen Mannes in einem kleinen Dorf geschildert, der ermordet wurde. Bei den Befragungen geben alle Dorfbewohner zu, dass sie von der Homosexualität des Mannes gewusst haben und dass er regelmäßig den Abend mit durchreisenden Solaten verbracht hat, auch wenn keiner von ihnen das Wort “Homosexualität” in den Mund nimmt. Das zeigt, dass auch entgegen der heutigen russischen Propaganda, die immer wieder betont, dass der Westen das Land mit LGBTIQ*Propaganda verderben will, dass es das Bewusstsein, dass es schwule Männer in Russland gibt, schon immer gab und es in allen Schichten der Gesellschaft auch eine Toleranz für diese Menschen gab, auch wenn die Menschen keine passenden Begriffe für die Art der Sexualität kannten.
Eine andere große Stärke des Buches ist, dass die UdSSR nicht pauschal als eine singuläre Hölle für schwule Männer dargestellt wird. Immer wieder finden die Leser*innen Exkurse und Einordnungen dazu, was zur gleichen Zeit in Westeuropa und in den USA mit LGBTIQ*Menschen und ihre Rechte passierten. Besonders deutlich wird das in dem Kapitel “Unter Gorbatschow” als Aids und die hilf- und sprachlose Reaktion der sowjetischen Behörden auf die neue Krankheit beschrieben wird. Zwar ist das Schweigen, wie von einem autoritären Regime zu erwarten, drakonisch, doch er schreibt auch über die Zwangseinweisungen der Patienten und die Vernachlässigung durch das Gesundheitssystem in den USA oder Großbritannien am Anfang der Epidemie.
Warnung vor Rückschritten und Anklage gegen das aktuelle Regime
Die aktuellen gravierenden Einschnitte für LGBTIQ* und LGBTIQ*Organisationen in den letzten Jahren in Russland erscheinen so in einem historischen Kontext und die Mechanismen der Repression können besser verstanden werden. Das Werk rekonstruiert aber auch die Entstehungsgeschichte der organisierten Bewegungen von schwulen Männern und lesbischen Frauen unter Breschnew sowie die Liberalisierung unter Gorbatschow als sich ein kleines Fenster von nicht einmal 15 Jahren öffnete, in dem die zahlreichen LGBTIQ*- Organisationen entstanden, die heute verboten sind. Besonders in diesem letzten Kapitel wird deutlich, wie hart der Kampf für Fortschritte in der UdSSR und Russland war und es wird deutlich, wie schnell diese Fortschritte unter Putin vernichtet wurden. Die Zeit wurde für LGBTIQ*Menschen in Russland zurückgedreht.
Dieses Buch, das sich so anschaulich, wie flüssig lesen lässt, ist nicht nur eine historische Darstellung der Behandlung und Emanzipation von schwulen Männern von 1930 bis 1990, sondern klagt mit jeder Seite die heutige russische Regierung an, ohne diese konkret zu nennen. Wenn man im Kopf hat, wie systematisch in den letzten Jahren Queere*Organisationen zerstört wurden und Queere*Aktivist*innen verfolgt werden, dann sind die Parallelen, die man in Rostam Alexanders Buch findet eine schreiende Anklage für das Regime Putin und seine Maßnahmen gegen LGBTIQ*. Das Buch ist aber ebenso eine Warnung, wie einfach es ist, erkämpfte Erfolge zu zerstören, ob in Russland oder anderswo, auch in der EU.
The Hidden History of Gay Oppression in the USSR
Rustam Alexander
Manchester University Press 2023
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Titelgrafik © osTraum
Buchcover © Manchester University Press
