Alkohol, Bulgarien, Schriftstellersein & die Suche nach sich selbst

Kajo, Kalin. Ein Versager oder ein Weiser?

Der Debütroman von Kalin Terzijski ist eine Reise in die Sucht, ein langsamer Fall in die Hölle… oder warten Sie!… vielleicht doch ein Aufstieg ins Paradies?

Ein Psychiater, ein Schriftsteller, ein Alkoholiker – die Hauptfigur von „Alkohol“ vereint in sich drei Personen, die zu Kajo verschmolzen sind. Seinen Job in der psychiatrischen Klinik aufgegeben, verbringt der in Sofia lebende Poet die Tage beim übermäßigen Alkoholkonsum und in Gesprächen mit einer provinziellen Wahrsagerin Marta. Nur sie und der Freund Karbovski sind die einzigen Menschen, mit denen Kalin noch regelmäßig Kontakt hat. Alkohol ist dagegen sein alltäglicher Begleiter, seine Freude, sein Lebenssinn, seine Hauptbeschäftigung.

Die Erzählung von Kalin ist intim, er beichtet der*dem Leser*in jedes einzelne Detail seines Lebens. Der autobiografische Charakter des Romans verleiht dem Erzählten sogar noch mehr Authentizität und verstärkt so seine Wirkung. Auf den ersten Blick ist „Alkohol“ ein langatmiges Werk. Der Autor führt uns durch die einzelnen Stadien seiner Sucht, was entgegen den Erwartungen allerdings nicht langweilig ist. Wir begleiten Kalin bei seinen endlosen und verrückten Skype-Unterhaltungen mit Marta, Spaziergängen zu Alkoholeinkäufen und Selbstgesprächen. Ist das etwa der Voyeurismus?

K. studiert sich selbst und seine Neigung zum Alkohol. Ob das aufhört? Das wissen wir nicht, verfolgen das Geschehene aber mit Geduld weiter und blättern eine Seite nach der anderen um.

Letztendlich ist „Alkohol“ nicht nur die Geschichte von Kalin, sondern die Geschichte von Bulgarien nach dem Zerfall des Kommunismus. Das ganze Buch als eine große Metapher? Desillusioniert und nüchtern ist die Perspektive von Terzjiski, aber nicht ohne Humor.

„Jeder zieht es vor, in einem Studienbuch für Gerichtsmedizin zu blättern statt in einem Handbuch für die technischen Mittel im Unterricht von Computerspezialisten“, so Kajo im Epigraph zum Epilog. Vielleicht zieht es jede*r ebenfalls vor, in einer fremden Sucht zu blättern statt in einer eigenen? Gerade deswegen bleibt „Alkohol“ nach wie vor aktuell und interessant, auch für die*den Leser*in außerhalb Bulgariens.


 

Kalin Terzijski & Dejana Dragoeva

Alkohol

2015 INK PRESS

 


 

Bildquelle (Titelbild): Eigene Aufnahme, Buchcover © INK PRESS

 

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