Moscow Modern Art: Fetisch und Anti-Kriegskunst von Viktor Ždanov

Mitte April 2018 entdeckte das osTraum-Team im Berliner Club der polnischen Versager eine für Berlin außergewöhnliche und einzigartige Ausstellung – “Как бы ничего не случилось” (de.: Als ob nichts geschehen ist). Die Werke von Künstler*innen aus Belarus, Russland und der Ukraine kamen nach Berlin. In ihren Herkunftsländern stoßen sie oft auf fehlendes Verständnis oder sind für den Staat gar unbequem. Die unbequemen Themen sind aber auch der bewusst gewählte Mittelpunkt ihres Gesamtkonzepts. Ein russischer Künstler hat in uns ein großes Interesse geweckt – Viktor Ždanov. In seinen Kollagen haben wir eine besondere Ausdrucksstärke und -klarheit gesehen und haben ihm deshalb einige Fragen gestellt.

 

osTraum:
Wie lange bist du im Grafikdesign tätig? Wie lange machst du schon Kollagen?

Viktor Ždanov:
Wenn ich ehrlich bin, ist Grafikdesign eine Nebenbeschäftigung für mich, zumindest als Künstler. Grafikdesign ist mein Beruf. Ich habe sechs Jahre Grafikdesign studiert und arbeite seit etwa vier Jahren in verschiedenen Unternehmen. Ich könnte nicht sagen, dass es mir sonderlich gefällt. Manchmal arbeite ich 12 Stunden am Stück und das macht mich ziemlich fertig. Mit analogen Kollagen, also Kollagen aus Papier, als einer künstlerischen Technik arbeite ich seit 2014. Damals interessierte ich mich für die russische Industrial-Szene. Mein Auge fiel auf ein paar originelle Noise-Projekte aus Sibirien und vom Ural, die ihre Alben mit Kollagen aus sowjetischen Zeitungen illustrierten. Das war für mich der Anstoß, die Technik der Kollage zu lernen.

rZbK6hnQJkUosTraum:
Erzähle uns über die entscheidenden Momente deines Werdegangs als Künstler.

Viktor Ždanov:
Ich denke, es gibt zwei solcher Momente. Nicht zufällig haben sie beide etwas mit meinen Ausbildungsstätten zu tun.

Das Erste ist meine Ausbildung an der Fakultät für Design in meinem provinziellen Heimatort in der Nähe der Ukraine – Belgorod. In diesem Ort gibt es eine besondere südrussische Identität mit ihren Eigenheiten – einem charakteristischen Dialekt und einer volkstümlichen Kultur, die etwas Unterstützung seitens des Staates genießt. Da bildeten sich meine ästhetischen Vorlieben und meine künstlerischen Interessen heraus. Ebenfalls dort habe ich meine ersten Werke geschaffen, zuerst Grafik und dann kam die Kollage.

Der zweite Grund ist der Umzug nach Moskau, wo ich Moderne Kunst und Philosophie der Gegenwart an der БАЗА (BAZA) studiert habe. Dieses Institut für Moderne Kunst wurde von zwei Menschen gegründet – dem Künstler Anatoli Osmolowski*, dem Star des Moskauer Aktionismus der 1990-er Jahre, und der Regisseurin Svetlana Baskova (“Зеленый слоник”/“The Green Elephant“, “Пять бутылок водки”/“Five Bottles of Vodka“, “ За Маркса”/“For Marx“). Hier habe ich dann tatsächlich eingesehen, was die moderne Kunst ausmacht und welche Richtung ich verfolgen möchte.

 

osTraum:
Gibt es Themen, die immer und immer wieder in deinen Werken aufkommen?

Viktor Ždanov:
Ein Kunstkritiker und BAZA-Dozent hat mal angemerkt, dass ich eine klare Vorliebe zu pathologischen Prozessen habe, was ich auch nicht bestreiten möchte. Doch ganz richtig ist es auch nicht. In der letzten Zeit interessiere ich mich für das Unbewusste, verschiedene Fetische und Perversitäten, geheime Wünsche, die Welt der Träume und die soziale Ungerechtigkeit, der Mensch als Raubtier, soziale Katastrophen, Internet und Entfremdung. Das sind eigentlich auch schon die Themen, die ich erforsche und zyklisch in meinen Werken wiedergebe.

osTraum:
Deine Kollagen waren ein Teil der Ausstellung von Kunstwerken, die in Russland verboten sind und im Berliner Club der Polnischen Versager ausgestellt waren. Stellst du auch in Russland aus?

Viktor Ždanov:
Meine Werke sind an sich nicht verboten. Diese Ausstellung mit dem Titel „Als ob nichts geschehen ist“ setzt die Ausstellungsreihe von Anti-Kriegs-Ausstellungen des mobilen aktivistischen Labors „Не мир“ (de.: der UnFrieden/die UnWelt) fort, dessen Kuratorin Katrin Nenasheva ist. Die letzte Ausstellung hatte die Form einer Demo. Die Künstler marschierten mit den Werken des Labors. Ich nahm daran indirekt teil – in Moskau, Riga und St. Petersburg. Als die Teilnehmer*innen eine Ausstellung am Gogol‘-Boulevard gemacht haben, wurde die Demonstration unterbunden. Die uniformierten Staatsdiener haben die Teilnehmer*innen und die Freiwilligen des Labors vorläufig festgenommen und sie in Transporter gepackt. Die Kunstwerke wurden runtergenommen und einige davon zerstört. Unter den zerstörten Werken, waren auch meine Antikriegskollagen. Über einige Aktivist*innen und den Kurator wurden Geldstrafen verhängt. Ich selbst wurde zwar nicht festgenommen und ich musste keine Bußgelder zahlen, doch dieses Ereignis (abgesehen von dem Konzept meiner Werke) war für der Grund, warum ich mich entschieden habe, an der Ausstellungsreihe „Als ob nichts geschehen ist“ teilzunehmen. Die Kurator*innen der Reihe waren die Gruppe {родина} (de.: {heimat}), Anja PŠ, Raddi Kalaschnikovski und Aleksei Tolstov.

Um auf die zweite Frage zurückzukommen: Ja, ich möchte und ich kann in Russland ausstellen. Ich bin sehr daran interessiert, an den lokalen Diskursen teilzuhaben und die Reaktionen auf meine Werke zu sehen.

 

osTraum:
Welche Werke von dir wurden in Berlin ausgestellt? Warum ausgerechnet Berlin?

Viktor Ždanov:
Ursprünglich wurde die Ausstellung „Als ob nichts geschehen ist“ in der Minsker Location „ЦЭХ“ („ZÄCH“, de.: Zeche, Zunft) eröffnet. Dann zog sie von der einen in die andere Stadt in Belarus und Russland. Im März-April 2018 kam sie nach Berlin, wo meine Werke im Club der polnischen Versager zu sehen waren.

osTraum:
Hattest du Probleme wegen religiöser oder politischer Inhalte deiner Werke?

Viktor Ždanov:
Nein, bis jetzt nicht, zum Glück. Jedoch schließe ich es nicht aus, dass es in Zukunft noch kommen kann.

osTraum:
Welche Erfahrungen hattest du mit Ausstellungen in Russland?

Viktor Ždanov:
Ich stelle vor allem in Russland aus. Am 8. Juni 2018 wurde im Zentrum für moderne Kunst Vinzavod in der Zeche des Roten die Ausstellung  “Странное, потерянное, неувиденное, бесполезное” (de.: „Seltsames, Verlorenes, Ungesehenes, Unnützes“) eröffnet. Hier gab es Werke von BAZA-Student*innen und -Absolvent*innen. Auch mein Projekt zur Entfremdung im Netz wurde hier präsentiert. Außerdem wurde ich vom Kurator der Ausstellung „Приметы времени“ (de.: „Merkmale der Zeit“) eingeladen, Ende Juni meine Werke bei ihm zu präsentieren. Hier stelle ich das Thema der Körperlichkeit anhand von autobiografischen Statements dar.

osTraum:
Unterscheiden sich die Künstler*innen aus Russland von ihren Kolleg*innen aus den GUS- oder EU-Staaten?

Viktor Ždanov:
Moderne russische Künstler*innen sind meiner Ansicht nach nicht bereit, sich für Neues in der Kunst zu öffnen. Es gibt aber einige wenige Ausnahmen.

 

osTraum:
Kannst du unseren Leser*innen die besten (deiner Meinung nach) fünf post-sowjetische Künstler*innen aus Belarus, Russland und der Ukraine empfehlen?

Viktor Ždanov:
Das Wort „Beste“ möchte ich vermeiden. Ich versuche Menschen nicht danach zu messen, was sie geschafft haben und stelle sie auch nicht in einer hierarchischen Reihenfolge dar. Außerdem möchte ich keine Künstler*innen nennen, die sowieso ziemlich bekannt sind, wie Kabakov oder Kosolapov. Ich möchte jedoch auf einige NACHWUCHSkünstler*innen hinweisen. Aus Russland: Polina Kanis, Mischa Badasyan (ein Künstler aus Rostov, der in Berlin lebt), Oleg Frolov, Vera Barkalova, Taus Machatschova. Aus der Ukraine: Zhanna Kadyrova, Nikolai Karabinowitsch, Nikolai Ridnyi, Ksenia Gnilickaja, Lada Nakonetschnaja. Aus Belarus: Alyaksandr Labanau und A.R.Č.


Интервью на русском: osTraum_Interview_Zdanov_Juni_2018_RUS


Weitere Werke von Viktor Ždanov:
Behance
Instagram


osTraum auf Facebook


Bildquellen © Viktor Ždanov

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