Dawai Dawai, Olexij! Russen-Kitsch wird zu Cash: Teil 2 von 3

„Sei frei und schrei „Dawai Dawai!“ (Aus dem Lied „Dawai Dawai“ der Berliner Band Dawai Dawai)

Geht noch mehr Dawai Dawai? Was soll das? Was heißt es überhaupt? Dawai (rus. давай) – heißt so viel wie „Gib!“. Es ist also ein Imperativ, eine Befehlsform, die im Russischen als Ansporn benutzt wird, ähnlich dem deutschen „Los!“ oder dem englischen „Come on!“*. Außerhalb Russlands ist es wohl das bekannteste russische Wort. Damit haben die Musiker_innen von Dawai Dawai schon mal eine Voraussetzung für den Erfolg erfüllt.

Nun aber zu ihrer Musik. Hat denn ihre Musik auch die doppelten Erfolgschancen? Hier müssen wir zurück in die Vergangenheit gehen. Offiziell gibt es das Quartett (+ ein Bär) seit dem Februar 2016, also seit nicht mal einem Jahr. Nichtsdestotrotz ist es unheimlich aktiv. Auferstanden ist die pop/rap/folk-Sippe aus den Ruinen des Projekts Heiss und Eis, das einer Mischung aus Hip Hop, House und Kabarett über Russen-Klischees ähnelte. Diese Mischung war das Fundament für Dawai Dawai. Zu der Band stoß der Balalaikaspieler Morgan. Dadurch wurde die Musik, aber auch das Konzept der Band bunter und abwechslungsreicher. Morgan, der seit dem Kindesalter das exotische Instrument aus Russland spielt, trug auch viel von seinen Russland-Kenntnissen bei. Nun ist es noch schwerer, diese Band in eine Schublade zu stecken und das ist auch gut so. Russian Partycore beschreibt die Musik wohl am ehesten. Die Klischees – Wodka, Pelmeni, Bären(kostüme) und Balalaika – gehören nicht nur zum äußeren Erscheinen der Band. Sie werden auch in den Texten aufgegriffen. Molotov, Gorbatschow, Schnee, Kälte, Revolution und Panzer kommen in den Lyrics zu Leitmelodien aus russischer Folklore und z.B. dem Hit „Moskau“ von Dschinghis Khan sehr oft vor. Doch die Texte rufen weder zum Krieg noch zur Revolution auf. Ihr Ziel ist das zügellose Feiern auf russischer Art. Ob das ein Zufall ist, dass Robbie Williams vor kurzem das Video „Party like a Russian“ veröffentlichte? Tja. Russian Partycore macht Kitsch zu Cash und für die Berliner_innen Dawai Dawai ist es ein verdammt gutes Zeichen.

Was die Mühe und den Fleiss der Musiker_innen betrifft, so sind sie ein Beispiel für jede Newcomer-Band. Nicht mal ein Jahr alt, schon haben sie ihre EP-Releaseparty in der Bravo Bar in Berlin-Mitte. Für das Event haben sie auch Sponsoren ans Land getrieben. Ihre Gäste wurden mit Partisan-Wodka abgefüllt und ihre Bäuche mit Pelmeni aus dem MixMarkt vollgeschlagen. Den Gästen schmeckte die Aufmerksamkeit, besonders weil es von dem allen unbegrenzte Mengen gab. Obendrauf stellten die Gastgeber vor die Bar ein Offroad-Lada des Modells Niva… in Flecktarn und wie in einem Museum beleuchtet. Allein das zwang schon die Fussgänger stehen zu bleiben und zu fragen, was in dieser Bar los ist. Der Einlass sollte um 20 Uhr sein. Vom Beginn stand nichts auf dem Flyer. Zu der Zeit poste die Band für ein Photoshooting vor dem Lada und in der Bar war tote Hose. Das Konzert ging letztendlich an diesem Donnerstagabend gegen 22 Uhr los. Also noch ein russisches Klischee der Unpünktlichkeit? Wenn ja, dann haben sie sich dessen gut bedient. Das Warten hat sich aber gelohnt.

Am kommenden Samstag spielt die Russian Partycore-Truppe in der Spirale zusammen mit anderen „Russen“ von Rumata(groove/metalcore) und ProRub'(acoustic/songwriting). Sei also frei und schrei Dawai Dawai!


* Zur eigentlichen Herkunft von Dawai: Dieser Ansporn kommt eigentlich vom deutschen WEITER. Deutsche Kutscher, von denen es in Russland des 18./19. Jahrhunderts reichlich gab, schrien so oft und mehrmals hintereinander ihre Pferde an. Die Russen, die es hörten, aber nicht verstanden, verwechselten die Silben – ter wei (ausgesprochen ta wai), anstatt von wei ter (ausgesprochen wai ta). Seitdem ist es das wohl bekannteste russische Wort, was dabei eigentlich deutsch ist.

Bildquelle: Dawai Dawai https://dawaidawai.ru 

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