Architektur in Taschkent – bei diesen Worten erscheinen vermutlich zuerst die Medresen, Mausoleen und Moscheen mit ihren eindrucksvollen Kuppeln und prachtvollen Portalen vor dem inneren Auge. Weniger bekannt jedoch ist die Tatsache, dass Taschkent zwischen 1955 und 1991 eine besondere Ausprägung des sowjetischen Modernismus hervorgebracht hat.
Um die internationale Aufmerksamkeit auf das Thema zu richten und dessen universale Bedeutung festzustellen, wurde im Januar 2024 der Antrag gestellt, die Taschkenter Moderne in der Architektur auf die Liste des UNESCO-Welterbes aufzunehmen. Dafür wurden 16 herausragende Bauwerke ausgewählt. Grund genug, um im Folgenden einige der Anwärter und weitere honorable mentions vorzustellen.
Wie in vielen anderen Städten der Sowjetunion gab es auch in Taschkent Pläne zur Umgestaltung der Stadt nach „fortschrittlichen“ und sozialistischen Maßgaben. Insbesondere der starke Gegensatz zwischen der Altstadt, mit ihren traditionellen Hofhäusern aus Lehm, engen unbefestigten Gassen und Kanälen, und der kolonialen durchstrukturierten Neustadt mit ihren breiten Straßen nach europäischem Vorbild, der bereits seit Beginn der Kolonisierung in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Dorn im Auge der Kolonialmacht war, sollte überwunden und angeglichen werden. Die Bauweise in diesen traditionellen Stadtvierteln, mahallas genannt, war klimatisch zwar hocheffizient, galt jedoch als rückständig und sollte der Moderne weichen.
Schon in den 1950er Jahren wurde begonnen, die Wohngebiete in sogenannte Mikrorayons umzugestalten. Dieses Modell sollte in der gesamten Sowjetunion maßgeblich werden und zeichnete sich durch Areale mit gemischten Nutzungsmöglichkeiten aus. Modernistische Wohnzeilen wurden in die direkte Nachbarschaft zu Schulen, Kindertagesstätten, Kliniken sowie Geschäfts- und Restaurantzeilen gebaut.
Im April 1966 war die Stadt das Epizentrum eines Erdbebens, das nahezu die gesamte Stadt zerstörte und acht Menschen das Leben kostete. Innerhalb kürzester Zeit wurden Bauunternehmen, Fachleute und freiwillige Helfende in der gesamten Sowjetunion mobilisiert, um beim Wiederaufbau zu helfen. Der Schwerpunkt in der 1. Phase nach dem Erdbeben lag auf Geschwindigkeit und Effizienz, um möglichst schnell wieder Wohnraum für die zahlreichen obdachlos gewordenen bereitzustellen und so wurde überwiegend in Fertigbauweise, sogenannte Plattenbauten, gebaut. In der Mitte der 1970er Jahre jedoch trat die Architektur der Stadt in eine neue, experimentellere Phase ein.
Planungen bezogen nunmehr auch wissenschaftliche Untersuchungen des altstädtischen Bestands mit ein und ließen eine zunehmende Rückbesinnung auf traditionelle Bauformen und Lebensweisen erkennen.
1. Hotel Uzbekistan (Platz 12 in der UNESCO-Auswahl)
Deutlich zeigt sich diese Entwicklung am „Hotel Uzbekistan“ (Planung 1963-1974, Konstruktion 1969-1974), einem 17-stöckigen Gebäude am Amir-Timur-Platz, das vom Architekten Ilja Merport und seinem Team von Designer*innen, Ingenieur*innen und Künstler*innen konstruiert wurde. Neben seiner besonderen leicht gebogenen Form sticht vor allem die Fassade hervor, die mit einem als pandjara bezeichneten Sonnenschutzelement verschalt wurde, das der Verschattung dient. Es weist abstrakte geometrische und an traditionellen Dekor erinnernde Muster auf und verbindet dadurch zentralasiatische und modernistische Elemente.


Auch an gewöhnlichen Wohnhäusern lassen sich diese Verschattungselemente noch heute erkennen:

2. Zhemchug (Platz 1 in der UNESCO-Auswahl)
Ein besonders herausragendes Beispiel für den „experimentellen Wohnungsbau“ ist das Wohnhochhaus Zhemchug, das nach Plänen der sowjetisch-usbekischen Architektin Ophelia Aichinowa 1985 eröffnet wurde. Die Vision für das 16-stöckige Gebäude war die Schaffung einer „vertikalen Mahalla“, in der sich die Wohnungen, wie bei den traditionellen usbekischen Häusern, um einen Hof herum gruppierten, in dem das Leben mit der Großfamilie stattfinden konnte. Hier erstreckten sich Wohnungen über drei Stockwerke und Öffnungen in der Fassade boten Platz für gemeinschaftlich genutzte Flächen. Wasserbecken, Bepflanzungen und eine klimatisch durchdachte Bauweise sollten den extremen Klimaverhältnissen (im Sommer heiß, im Winter kalt) Rechnung tragen.

3. Mosaike an Wohnhäusern
Besonders farbenfrohe Denkmäler des Taschkenter Modernismus sind die Mosaikbilder der drei Brüder Pjotr, Nikolai und Alexander Jarsky, mit denen sie über 200 Fassaden von Gebäuden in Usbekistan schmückten. Besonders in Taschkent finden sich diese Mosaike häufiger, als in anderen Teilrepubliken der Sowjetunion. Der ansonsten eher monotone serielle Wohnungsbau erhielt dadurch eine individuelle Note sowie künstlerische Aufwertung. Interesse weckt die Arbeit auch durch die von den Brüdern entwickelte industrielle Fertigungsweise, der, kombiniert mit den wechselnden Phasen der thematischen inhaltlichen Gestaltung, technik- und kunsthistorische Bedeutung beigemessen werden kann.
Das Projekt „Mosaics of Tashkent“ (Mosaic Tashkent – Tile Mosaics) verzeichnet die Mosaike in einer Datenbank und gibt Hinweise auf Jahreszahlen, Motive, Fundorte sowie Künstler:innen. In der Monografie „Fassadenkunst im Plattenbau. Das Werk der Brüder Jarsky im sowjetischen Taschkent“ (DOM Publishers, Berlin 2024) geht der Autor Philipp Meuser den Biografien sowie dem Wirken der Brüder anhand von 30 Projekten auf den Grund.


4. Chorsu-Basar (Platz 11 in der UNESCO-Auswahl)
Der Chorsu-Basar (Planung 1980–1986, Konstruktion 1985–1990) befindet sich an jener Stelle, an der sich auch der historisch älteste Basar der Stadt befand und gilt als einer der ältesten Basare Zentralasiens, bedeutend auch durch seine Lage an der Seidenstraße. Er stellt ein weiteres Beispiel für die Verschmelzung traditioneller und modernistischer Elemente dar. Der in den 1970er Jahren erneut aufkommende Trend neu errichtete Kuppeln mit blau glasierten Fliesen einzudecken, erreichte seinen Höhepunkt mit der Kuppel des Chorsu-Basars.

5. Fernsehturm (Platz 16 in der UNESCO-Auswahl)
Ein weiteres Bauwerk auf der UNESCO-Liste ist der 375 Meter hohe Fernsehturm (Planung 1968–späte 1970er, Konstruktion 1978–1984) – der höchste Fernsehturm in Zentralasien und auch weltweit einer der höchsten. Auch hier verschmelzen traditionelle Stilelemente mit moderner Architektur. Im Innenraum finden sich so Gestaltungselemente aus Mosaiken und usbekischem Kunsthandwerk, Metallornamente in traditionellen geometrischen Formen schmücken einzelne Abschnitte des Bauwerks, dessen äußere Gesamterscheinung an eine startende Rakete erinnert, als Symbol für den technischen Fortschritt der Sowjetrepublik.

7. Heliokomplex „Sonne“ (Platz 3 in der UNESCO-Auswahl)
Der Heliokomplex Sonne (Planung 1981-1983 und Konstruktion 1981-1986) ist ein Solarschmelzofen in Parkent, der sich 30 km entfernt von Taschkent befindet. Da sich der Komplex auf der UNESCO-Liste befindet, findet er, trotz seiner Entfernung zur Stadt, ebenfalls an dieser Stelle Erwähnung. Geplant wurde der Komplex vom Moskauer Architekten Viktor Zakharov und 1987 durch den Architektenverband der UdSSR mit einer Goldmedaille als bestes Gebäude des Jahres ausgezeichnet. Es ist ein Forschungszentrum für die Untersuchung von Materialien bei sehr hohen Temperaturen. Die Begründung für die Aufnahme in der UNESCO-Liste betont dessen einzigartige Verbindung von Architektur, der umgebenden Landschaft und Klima sowie bildender Kunst, wie die vier als monumentale Kronleuchter dienenden Installationen der Künstlerin Irena Lipene aus Glas und Metall im Inneren des Komplexes.

8. Turkestan-Palast
In die Spätphase bzw. in den Ausgang des Modernismus fällt der Turkestan-Palast, ein Theater und Mehrzweckbau, der 1988-1991 vom Architekten Yuri Khaldeev geplant und zum Teil auch errichtet, dann jedoch noch einmal umgeplant wurde, diesmal vom Architekten Farhod Tursunov und seinem Team. Die Eröffnung erfolgte 1993. Die staatliche Unabhängigkeit (seit 1991) und die daraus entstandene Suche nach neuen Anknüpfungspunkten für Identifikation und Ausdruck ließen den Blick auf die vorkoloniale Vergangenheit und die Gegenwart richten. Sie finden ihren Ausdruck u.a. in den Innenräumen in Form von Wandbildern, die den Registan-Platz in Samarkand zeigen, sowie Lampen, die in Form von Baumwollblüten gestaltet wurden. Die Frontansicht des Gebäudes bedient sich erneut traditionellen Elementen; so tragen sechs Pfeiler ein vier-reihiges Stalaktiten-Gewölbe, sogenannte muquarnas.

Titelbild: Antonia Schlotter
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