Text: Anđela Čagalj
Wer „Kroatien“ hört, denkt bestimmt an die Adriaküste, die mediterrane kroatische Küche, die Musikfestivals im Sommer und an die silbernen (2018) und bronzenen (2022) elf Meter, die in den letzten beiden Weltmeisterschaften den (Männer-)Fußball dominiert haben. Heute wandert unser Blick allerdings auf die historische und gegenwärtige Kulturlandschaft Kroatiens und zwar konkret auf die sieben Frauen, welche die Kunst und die Kultur Kroatiens beeinflusst haben.
7. Ivana Brlić-Mažuranić
Geboren wurde die Schriftstellerin im Jahr 1874 in Ogulin, damals Teil Österreich-Ungarns. Sie wuchs in einer bekannten bürgerlichen Familie auf. Ivana Mažuranić genoss exzellente Bildung und schrieb ihr erstes Gedicht „Dem Stern meiner Heimat“ im Jahr 1886. Mit 18 Jahren heiratete sie, nahm einen Doppelnamen an (Brlić-Mažuranić) und zog mit ihrem Mann nach Slawonien. Ivana Brlić-Mažuranić schrieb Geschichten, Gedichte und Romane für Kinder.

Zudem war sie die Mutter von sieben Kindern. 1913 gelang der Schriftstellerin ihr großer Durchbruch mit dem Kinderbuch „Lapitsch, der kleine Schuhmacher“ (kroatisch: „Čudnovate zgode šegrta Hlapića“), welches 1997 als Zeichentrickfilm ein unerlässlicher Teil der Kindheit einer ganzen Generation wurde. Das 1916 erschienene Werk „Geschichten aus dem Altertum“ (kroatisch: „Priče iz davnine“), inspiriert von slawischer, vorchristlicher Mythologie, gilt nach wie vor als ihr Meisterwerk. Ivana Brlić-Mažuranić starb am Suizid im Jahr 1938.
6. Marija Jurić Zagorka
Marija Jurić Zagorka wurde 1873 in eine wohlhabende, aber unglückliche Familie im Norden Kroatiens (Zagorje) geboren. Nach einem turbulenten Bildungsweg, geprägt von vielen Schulwechseln, Abbrüchen und Familienkonflikten, heiratete sie im Jahr 1891 einen siebzehn Jahre älteren ungarischen Beamten und verließ Kroatien. Die Ehe litt unter politischen Meinungsverschiedenheiten: Ihr Ehemann vertrat ungarisch-nationalistische Ansichten und schlug seiner begabten Frau lukrative Stellenangebote vor – allerdings nur, wenn ihre Texte eine pro-ungarische Note erkennen ließen. Dies lehnte die kroatische Patriotin ab und ihre Wege trennten sich nach drei kurzen Jahren. Marija Jurić Zagorka zog daraufhin zurück in ihre Heimat. 1896 erschien ihr erster – anonymer – Artikel in der pro-kroatischen „Rundschau“ (kroatisch: „Obzor“).

Zu dieser Zeit gab es in Kroatien keine Journalistinnen, weshalb sie in der Redaktion der „Rundschau“ ein Einzelbüro bekam, um ihr Frausein geheim zu halten. Diese Diskriminierung fand Jurić beleidigend. Doch das Gute: Sie durfte schreiben, was sie wollte. Unaufhaltbar wie sie war, stieg sie trotz aller Hürden als Journalistin auf, wurde Referentin für ungarisch-kroatische Politik, positionierte sich gegen den immer größer werdenden ungarischen und österreichischen Einfluss auf Kroatien. 1896 leitete sie das pro-kroatische Blatt selbst. Sie verfasste Romane und ist mit ihrem Werk „Grička vještica“ (kroatisch: „Die Hexe von Grič“), das zwischen 1912 und 1914 in Teilen in der „Kleinen Zeitung“ (kroatisch: „Male Novine“) veröffentlicht wurde, die meistgelesene kroatische Autorin geworden. Marija Juric Zagorkas Werk umfasst mehr als 30 Romane. Sie starb 1957.
5. Slava Raškaj
Slava Raškaj wurde 1877 in Ozalj, einer Stadt im Norden Kroatiens geboren. Die Familie Raškaj waren Gutsbesitzer mit einer langen Familiengeschichte in der Slowakei, Ungarn und Kroatien. Ihre schulische Bildung schloss sie an einer Wiener Einrichtung für schwerhörige Kinder ab. Dort entstanden die ersten Zeichnungen Raškajs. Der Maler Isidor Krsnjavi wurde auf ihr Talent aufmerksam. So führte Raškaj ihre Bildung in Zagreb fort und erlernte das technische Zeichnen. Sie spezialisierte sich auf Aquarelle, inspiriert von ihrer Kindheit am Fluss Kupa, malte aber auch Porträts. Doch ihr Werdegang war geprägt von ihren häufigen Erkrankungen und langen Aufenthalten in Kurorten. So starb Slava Raškaj im Alter von 29 Jahren im Jahr 1906.
4. Milka Trnina
Milka Trnina kam 1863 in Vezišće, damals Österreich-Ungarn, auf die Welt. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter wuchs Milka zunächst im Waisenhaus auf, bis ihr Onkel, bekannter Verleger Janko Jurković, sie aufnahm. Durch seine Freundschaft mit einer Gesangslehrerin konnte das Talent seiner jungen Nichte früh entdeckt werden. 1882 fand ihr erster Auftritt als Sopranistin auf der nationalen Bühne in Zagreb statt, nur ein Jahr später begeisterte sie das Publikum der Leipziger Oper, im Anschluss auch in Graz und Bremen. Sie war Teil des Ensembles der Münchner Hofoper.

Ihre Interpretation der Wagners Werke erweckte seine lyrischen Figuren zum Leben: Kritiker behaupteten, genau so hätte sich Richard Wagner seine Heldinnen vorgestellt. Sie trat in New York im Prestigehaus Metropolitan auf und unterrichtete dort. Trninas letzter Auftritt fand in München statt, wo sie „Die Walküre“ sang. Nach einem missglückten medizinischen Eingriff konnte sie nicht mehr die musikalischen Höhen ihrer Karriere erreichen. Sie zog zurück nach Kroatien und wurde Ehrenmitglied der Musikakademie. Trnina gab in Zagreb Gesangsunterricht – eine ihrer berühmtesten Schülerinnen Zinka Milanov (geborene Kunc) trat ebenfalls im Opernhaus Metropolitan in New York auf, wo sie für mehr als 30 Jahre eine der größten Stars des Hauses war.
3. Dubravka Ugrešić
Dubravka Ugrešić wurde 1949 in Kutina geboren. Sie studierte komparative und russische Literatur an der Universität Zagreb, wo sie danach knapp 20 Jahre forschte und unterrichtete. Ihre Werke befassen sich mit der Frage nach der Identität und des Exils. Ihr Schreiben war stets geprägt von Ironie und großem strukturellen Können und modernen Ideen. Sie übersetzte russische Werke und veröffentlichte preisgekrönte Essays.

Ugrešićs Werke wurden in beinahe alle europäischen Sprachen übersetzt. Nach einem anonymen Artikel, welcher der kroatischen Öffentlichkeit umgangssprachlich als „Hexen aus Rio“ bekannt ist und der Ugrešić sowie vier weitere Journalistinnen und Schriftstellerinnen als Volksverräterinnen des neugegründeten kroatischen Staates darstellt, verließ sie das Land im Jahr 1993. Sie verbrachte den Rest ihres Lebens in den USA, Deutschland, aber größtenteils in den Niederlanden, kam jedoch regelmäßig auch in ihre Heimat zurück. Ugrešić unterrichtete an diversen Universitäten weltweit, schrieb Essays über (bzw. gegen) den Nationalismus – sie empfand sich als jugoslawische Schriftstellerin und setzte sich für eine gemeinsame Sprache der Bosnier*innen, Kroat*innen, Serb*innen und Montenegriner*innen ein. Sie starb 2023.
2. Vjekoslava Huljić
Geboren 1963, gilt Vjekoslava Huljić heute als eine der produktivsten Autorinnen Kroatiens. Sie wuchs in Split auf. Ihr Talent fürs Schreiben wurde in der Schule entdeckt, so gewann sie zweimal den Literaturpreis für Kinder. Sie studierte jedoch Rechtswissenschaften und beschloss erst nach dem Referendariat ihr Leben dem Schreiben zu widmen: In den 1980ern schrieb sie Lieder für die Band ihres Ehemannes „Magazin“, beispielsweise „Rano ranije“ und „Ljube se dobri, loši, zli“, allesamt Hits, die ununterbrochen im Radio gespielt wurden. 1986 veröffentlichte sie eine Gedichtsammlung „Jutrooki“ (Wortspiel, frei übersetzt zu „Morgensichtig“). Sie schrieb viele Kinderbücher und Gedichte. Einige ihrer Zeilen prägten den Zeitgeist der kroatischen Gegenwart: „Žena, majka, kraljica“, also „Frau, Mutter, Königin“, eine Zeile aus dem Hitsong „Bizuterija“, ist das kroatische Äquivalent zum amerikanischen Girlboss. Ihre Lieder thematisieren die alltäglichen Liebesturbulenzen mit einem unverwechselbaren dalmatinischen Flair, sie wechselt meisterhaft zwischen einem verzweifelten Liebeskummer und einem Geist der Resilienz. Sie schrieb mehr als 600 Lieder für bekannte kroatische (dalmatinische) Sänger wie Jelena Rozga, Doris Dragović, Danijela Martinović und Petar Grašo.
1. Jelena Veljača
Der im Jahr 1981 geborenen Autorin Jelena Veljača gelang der Durchbruch zunächst als Schauspielerin in der ersten kroatischen Seifenoper „Villa Marija“ im Jahr 2004. Doch ihre Leidenschaft war schon immer das Schreiben: Nach einer weiteren Seifenoper-Rolle, diesmal als Bösewicht in „Ljubav u zaleđu“ („Liebe im Abseits“), etablierte sich Veljača als Szenaristin. Sie schrieb mehrere Seifenopern, unter anderem die historische Romanze „Ponos Ratkajevih“ („Der Stolz der Familie Ratkaj“). Im Jahr 2011 gelang ihr der größte Hit: Veljača schrieb und produzierte „Larin izbor“ („Laras Wahl“), eine Telenovela, die in 41 Ländern ausgestrahlt wurde.
Nebenbei etablierte sich Veljača als Kolumnistin und eine präsente, etwas kontroverse Figur in der kroatischen Öffentlichkeit: Ihre feministischen Ansichten sind umstritten, ihr Privatleben geprägt durch Beziehungsturbulenzen. Zurzeit arbeitet Veljača als Chefredakteurin der Zeitschrift „Elle“ und engagiert sich als Aktivistin gegen Gewalt gegenüber Frauen.
Bildnachweise:
(1) Ivana Brlić-Mažuranić: Via deviantart.com, Copyright: Alex-Sontag „Ivana Brlic – Mazuranic“ (Creative Commons Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0. DEED)
(2) Marija Jurić Zagorka: Via Wikimedia Commons, Copyright: Dalibor Bosits „Monument to Marija Jurić Zagorka, in Zagreb, Croatia“ (Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 3.0.)
(3) Milka Trnina: Via picryl.com, Creative Commons Lizenz: CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.
(4) Dubravka Ugrešić: Via Wikimedia Commons, Copyright: Archives of Mariusz Kubik (Creative Commons Lizenz: CC BY-SA 3.0.)
Titelbild: eigene Grafik mit der Verwendung des Bildes Milka Trnina, via picryl.com, Creative Commons Lizenz: CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.
osTraum ist werbe- & kostenfrei für alle!
Damit es so bleibt, unterstütze uns mit nur einem Kaffee auf >>>Patreon<<<
osTraum auf Facebook
osTraum auf Instagram
osTraum auf Telegram

Slava Raškaj ist gemäß Wikipedia 1906 gestorben und nicht wie geschrieben 1902.
Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben den Text korrigiert.