Es ist schon ein kleines Wunder, nachdem in Island 2009 die erste lesbische Frau auf der Welt die Position der Premierministerin einnahm, dass ein kleiner, als homophob abgestempelter Staat im Südosten 2017 den zweiten Platz einnehmen wird. Mit Ana Brnabić ist Serbien ein Ausreißer im osTraum, und obwohl die Premierministerin, aktuell in ihrer dritten Amtszeit, nicht viel für Frauenrechte und LGBTIQ*-Rechte geleistet hat, ist sie dennoch ein Symbol dafür, dass Serbien auf eine Geschichte vieler Frauen zurückblicken und diese auch ehren kann. Aus diesem Anlass, blicken wir heute bei osTraum auf die sieben bedeutendsten Frauen der serbischen Kultur. Selbstverständlich gibt es nicht nur diese Sieben in der Geschichte Serbiens, doch ein guter Anfang sind sie schon und wir hoffen in Zukunft mehr darüber berichten zu können.
7. Mileva Marić (1875 – 1948)
Mileva Marić war eine serbische Physikerin und Mathematikerin. Sie war unter den ersten Frauen, die Physik und Mathematik studiert haben und die einzige in ihrem Jahrgang an der ETH Zürich. Ihre Werke sind bis heute umstritten, da bis heute nicht nachgewiesen werden kann, inwiefern sie an den Werken, die ihrem Ex-Mann Albert Einstein zugeschrieben werden, beteiligt war. Die ETH sieht Marić als Mitentdeckerin der Relativitätstheorie. Viele von Einsteins Vorlesungsnotizen zu seiner Zeit als Professor waren in ihrer Handschrift und das „wir“ und „unsere Arbeit“ in Einsteins Briefen an Marić kann doppeldeutig gelesen werden. Marić ist im Stadtmuseum von Novi Sad eine Ausstellung gewidmet und in der Serbischen Wissenschaft ist sie bis heute die wichtigste weibliche Figur.
6. Desanka Maksimović (1898 – 1993)
Die bekannteste serbische Schriftstellerin begann ihre Karriere in der Zeitschrift Misao (Gedanke), wo ihre Gedichte erstmals auf ein weites Publikum stoßen. Sie arbeitete als Gymnasiallehrerin für Serbische Sprache und Literatur und schrieb in ihrer Freizeit Gedichte. Ihren Durchbruch hatte sie mit dem Gedicht Krvava Bajka (das Blutige Märchen), welches nach dem Zweiten Weltkrieg erschien und die Geschichte des Massakers von Kragujevac erzählt, bei welchem 300 Schüler*innen durch Wehrmachtsoldaten ums Leben kamen. Neben der Arbeit ihren eigenen Werken war Maksimović ein Sprachtalent. Sie übersetzte Literatur aus dem Russischen, Französischen, Slowenischen und Bulgarischen ins Serbische. Maksimović war die einzige Schriftstellerin im serbischen Lehrplan bis 2020. Danach wurde sie aus der Pflichtlektüre leider gestrichen. Viele Serbischlehrer*innen machen es sich jedoch weiterhin zur Aufgabe ihre Poesie und ihre Werke im Unterricht zu lesen.
5. Svetlana Ražnatović, Ceca (geb. 1973)

Ceca ist gleichzeitig eine der kontroversesten sowie eine der beliebtesten Personen im ganzen ehemaligen Jugoslawien. Die Sängerin ist so beliebt, dass sie den Spitznamen „Majka Srbije“ (die Mutter Serbiens) trägt und allein deswegen hat sie sich ihren Platz auf dieser Liste verdient. Um zu verstehen, wie sie zur „Mutter Serbiens“ geworden ist, braucht man sich nicht nur ihre größten Hits anzuhören, sondern auch ihre Skandale anzuschauen. Ceca war nämlich mit dem Kriegsverbrecher Željko Ražnatović (Arkan) bis zu seiner Ermordung im Jahr 2000 verheiratet. Arkan und seine „Tiger“ waren in den Jugoslawienkriegen und im Kosovo-Krieg an mehreren ethnischen Säuberungen beteiligt. Ceca war schon vor ihrer Ehe eine bekannte Sängerin die in den 1990ern mehrere Hits zur Ablenkung von den Kriegsgeschehnissen veröffentlichte. Als sie 1995 Arkan heiratete war deren Hochzeit, analog zu einer königlichen Hochzeit, die erste Fernsehhochzeit mit Liveübertragung in Serbien. Besorgniserregend ist auch das Konzert, welches Ceca 2002 in Memoriam an ihren Mann hielt, welches von 70.000 Menschen besucht wurde. Ihre Konzerte im Jahr 2006 und 2013 sind auf Platz 10 und Platz 9 der meistbesuchten Konzerte auf der Welt mit je ca. 150.000 Besucher*innen.
4. Seka Sablić (geb. 1942)
Liebe, Gewohnheit, Panik. In nur drei Worten beschreibt die Fernsehsendung Ljubav, navika, panika den unüblich üblichen Alltag in einem serbischen Haushalt mit Sablić in der Hauptrolle. Die Schauspielerin begann ihre Karriere in den späten 1960ern im Atelier 212, einem bekannten alternativen Theater in der Belgrader Innenstadt. In den 1970er und 1980er Jahren wechselte sie zunehmend zum Film rüber und spiele wichtige Rollen in Filmen wie Kičma (Das Rückgrad), Maratonci trče počasni krug (The Marathon Family), und Davitelj protiv davitelja (Strangler vs. Strangler), sowie Serien wie Bolji život (ein bessereres Leben), Srećni ljudi (glückliche Menschen) und natürlich Ljubav, navika, panika. Sablić gehört zu der Minderheit der Sepharden (Nachfahren der hauptsächlich im 15. Jh. aus Spanien und Portugal vertriebenen Jud*innen) und ist politisch im Kampf gegen Diskriminierung stark engagiert. Sie ist eine der wichtigeren Figuren des öffentlichen Lebens in der Bewegung Serbien Gegen Gewalt (Srbija protiv nasilja).
3. Milunka Savić (zw. 1888 und 1890 – 1973)
Savić ist die erste serbische Kriegsheldin und angeblich die am meisten dekorierte (ausgezeichnete) Frau der modernen Militärgeschichte. Sie kämpfte im zweiten Balkankrieg anstelle ihres Bruders und wurde zum Korporal befördert. Erst nach einer Verletzung wurde bekannt, dass sie ihr Geschlecht versteckt hielt. Trotz dessen durfte Savić im Ersten Weltkrieg weiter für Serbien kämpfen. 1919 hatte sie die Möglichkeit nach Frankreich zu ziehen, weil sie nach französischem Recht Soldatenrente beziehen konnte. Savić entschied sich jedoch in Serbien zu bleiben und arbeitete zuerst als Postangestellte und später als Putzfrau. Erst in den 1970er Jahren, als die Öffentlichkeit Druck auf die Regierung ausübte, Savić aus der Armut zu ziehen, wurde ihr eine Wohnung in Belgrad geschenkt. Savić gilt heute als Beispiel für alle angehenden Soldatinnen und wird vom Verteidigungsministerium als größte serbische Heldin anerkannt. Das Ministerium verurteilt ebenso die ehemaligen Regime in Serbien, die Savić nicht die Ehre erwiesen haben, die sie verdient hat.
2. Marina Abramović (geb. 1946)

Die wohl im Ausland bekannteste serbische Frau ist die Performance-Künstlerin Marina Abramović. Studiert hat sie an der Universität der Bildenden Künste in Belgrad und Zagreb. In den 1970ern unterrichtete sie selber in Novi Sad und fing mit ihren ersten Performances an. Ihre Karriere erreichte verschiedene Höhepunkte, unter anderem durch mehrere Vorführungen und Ausstellungen im MoMA in New York. Darunter auch die Ausstellung The Artist is Present (2010), bei welcher sie drei Monate lang in einem Raum saß und allen Besucher*innen der Ausstellung in die Augen blickte. Als Professorin unterrichtete Abramović in Berlin, Paris, Hamburg und Braunschweig. Gegenwärtig hält sie eine Professur in Essen inne.
1. Marina Tucaković (1953 – 2021)
Den Abschluss dieser Liste macht eine andere Marina, und zwar die Dichterin und Songwriterin Marina Tucaković. Sie ist die primäre Autorin von über 4.000 Liedern und hat bei noch vielen anderen Werken mitgewirkt und beraten. Die Wirtschaftswissenschaftlerin hat bei ihrer Arbeit in einem Jazz-Label den Mut gefunden ihre Texte, die sie schon seit ihren Uni-Tagen geschrieben und aufbewahrt hat, mit ihren Vorgesetzten zu teilen und Künstlern vorzuschlagen. Ab da waren ihrer Kreativität keine Grenzen gesetzt, von Jazz bis Rock, Pop und Folk – fast jedes Genre war in ihrer über 50-jährigen Karriere vertreten. Bei der langen Diskographie ist es fast unmöglich ihre größten Hits hervorzuheben. Man kann jedoch davon ausgehen, dass serbische Sänger*innen und Bands der letzten 50 Jahre mindestens ein Lied singen, welches aus der Feder von Tucaković kam.
Natürlich ist eine Liste von sieben Frauen nie genug um der langen Geschichte und der Kultur eines Landes gerecht zu werden. In Serbien werden vor allem Sportlerinnen für Ihre Erfolge gefeiert u.a. Ana Ivanović (Tennis), Ivana Španović (Weitsprung) und Milica Mandić (Taekwondo), aber auch weitere Frauen aus der Kutlur wie z.B. Isidora Sekulić (Schriftstellerin) und Nadežda Petrović (Malerin), die es ebenfalls verdient haben erwähnt zu werden. Und wer weiß, wie viele Frauen noch die serbische Kultur, Kunst, Literatur und Wissenschaft prägen werden.
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Bildnachweise:
5. Damjan Savic, CC0, via Wikimedia Commons (URL)
2. und Titelfoto Manfred Werner / Tsui, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons (URL).
