“Harte Zeiten schaffen starke Menschen” – Mit diesen Worten eröffnete die vierte Ausgabe des Ukrainischen Filmfestivals Berlin. Seit 2019 versammelt das Festival alljährlich im Herbst die Berliner Filmliebhaber*innen, um ihnen Einblicke in die Welt zeitgenössischer ukrainischer Filme zu gewähren.
Unter dem Motto „No Time Like Home“ stand das diesjährige Festival im Zeichen des russländischen Krieges gegen die Ukraine. Das Thema von Zuhause und Heimat nimmt für Ukrainer*innen eine besonders herausfordernde Bedeutung an. Viele von ihnen mussten ihre vertrauten Wohnstätten verlassen, um Zuflucht in anderen Regionen, Ländern oder gar Kontinenten zu suchen. Heimatorte, die einst Kulisse für Kindheits- und Familienerinnerungen waren, wurden durch den Krieg zerstört. Gleichzeitig stellt der Krieg einen direkten Angriff auf die ukrainische Kultur und die Staatlichkeit dar, die für zahlreiche Menschen ein unverzichtbares emotionales und historisches Zuhause ist.
Daher überrascht es nicht, dass das Festival mit einem Dokumentarfilm sowohl eröffnet als auch abgeschlossen wurde. Auch wenn das Festival bezweckt, ukrainische Filmkunst zu feiern und sich an der Kultur zu erfreuen, ist der Krieg weiterhin die grausaume Realität, der die ukrainische Bevölkerung ausgesetzt ist. Dokumentarfilme lassen sich im Kriegszustand nicht nur einfacher produzieren als Spielfilme, sie sind auch ein Mittel um den Krieg zu dokumentieren und mit der Öffentlichkeit zu teilen.
„Iron Butterflies“ – Dieser Krieg begann lange vor 2022

„Iron Butterflies“ (Reg. Roman Liubyi, 2023) eröffnete das Festival. In diesem Dokumentarfilm wurden die Geschehnisse rund um den Abschuss des MH17-Passagierflugs rekonstruiert, sowie die mediale Reaktion – insbesondere in den russischen Medien – analysiert. So zeigt der Film, wie die Darstellung der russischen Medien eine 180 Grad-Wendung vornimmt, als das Flugzeug als Passagierflug identifiziert wurde.
Der Film beeindruckt nicht nur durch seine geschickte Kontextualisierung der Ereignisse, sondern auch durch seine Ästhetik, in der dokumentarische Elemente mit nachgestellten Szenen verwebt wurden. Die innovative Erzählform, die an postdramatisches Theater erinnert, ermöglicht eine tiefgründige Erforschung von Themen wie Trauer, Verlust und Täterschaft, während sie das Publikum in eine poetische, aber auch düstere Atmosphäre eintauchen lässt. Dabei dient er in jedem Moment als Reminder, dass dieser Krieg gegen die Ukraine nicht erst 2022 angefangen hat, sondern 2014.
„20 Days in Mariupol“ – Dokument der Belagerung

Der Film „20 Days in Mariupol“ (Reg. Mstyslav Chernov, 2023) , gedreht von Journalist*innen der Nachrichtenagentur American Press, werden die ersten 20 Tage in Mariupol nach dem Beginn der Totalinvasion dokumentiert. Deutlich wird das unfassbare Leid der Zivilbevölkerung, die unermessliche Zerstörung und der Terror, die selbst vor Schwangeren und Säuglingen keinen Halt machen. Die Crew befragt Menschen vor Ort, die nicht immer positiv auf die Kameras reagieren. Doch mit jedem weiteren Angriff auf die Stadt findet die Crew immer mehr Zuspruch in der Zivilbevölkerung. So fordern zum Beispiel Ärzt*innen, die Zivilist*innen zu retten versuchen, das Team auf, das Grauen zu dokumentieren – ein Ausdruck ihrer Verzweiflung gegenüber dem unfassbaren Leid, dem die Stadt ausgesetzt ist.
Der Einsatz eines Voice Overs durch den Regisseur kommentiert die Bilder und die fortschreitende Belagerung der Stadt und prägt das Narrativ des Filmes. Seine Kommentare lassen uns die Emotionen der Crew und der Menschen vor Ort nachempfinden und mitfühlen. Mit der Auswahl als Vertreter der Ukraine bei den Oscars wird der Film voraussichtlich eine breitere internationale Bühne erhalten, um auf die Tragödie und die Grausamkeit der Belagerung von Mariupol aufmerksam zu machen.
„Do you Love Me?“ – Coming-of-Age in und mit der Ukraine

„Do you Love Me?“ (Reg. Tonia Noyabriova, 2023) ist einer von zahlreichen neuen ukrainischen Filmen, deren Handlung sich in den 1990ern abspielt. Die 90er sind eine besondere Zeit für das Land, in denen es ihre Unabhängigkeit erlang und ein Transformationsprozess begann, der viele Auswirkungen auf den Alltag der Menschen und ihre Lebensrealität hatte.
Der Spielfilm fokussiert sich dabei auf die Erfahrungen der 17-jährigen Kira und ihrer ersten Liebe, dem Zerbrechen der elterlichen Ehe und dem Beginn ihrer eigenen Karriere. Während Kira ihr Coming-of-Age durchlebt, erlebt auch die Ukraine den Wandel zur Unabhängigkeit nach dem Zerfall der Sowjetunion. Karyna Khymchuk verkörpert Kira mit einer unglaublichen Einfühlsamkeit, geschickt zeigt sie jugendliche Rebellion und zugleich auch ihre fragile Verletzlichkeit vor der Kamera, während für Kira das bedeutende politische Momentum, das sie miterlebt, nur eine nebensächliche Rolle in ihrem Alltag zu spielen scheint – zu sehr ist sie eingenommen von den prägenden „ersten Malen“, die sie erlebt.
„La Palisiada“ – Eine Zeitreise in die Kindheitserinnerungen des Regisseurs

„La Palisiada“ (Reg. Philip Sotnychenko, 2023), ein experimenteller Spielfilm mit einer eigenartigen Art der Narration, spielt ebenfalls in den 1990ern. Die Handlung des Filmes dreht sich um zwei alte Freunde und Kollegen, die gemeinsam in der Mitte der 90er Jahre in einem Mordfall ermitteln. In zwei Zeitsträngen wird zum einen der Zeitraum der Ermittlung gezeigt, und zum anderen das Alltagsleben ihrer Kinder und Familien in der Gegenwart.
Die Erzählweise ist bewusst chaotisch und uneindeutig, und lenkt den Fokus von der Chronologie der Ereignisse weg, hin zu der eindrucksvollen Ästhetik der gezeigten Bilder. Durch die ruhige Kameraarbeit und lange Einstellungen, in denen Alltagsszenen gezeigt werden, sowie durch Einschübe von Videomaterial in Anlehnung an Archivmaterialen, gelingt ein atmosphärisches Werk, welches der Regisseur als die Visualisierung seiner Kindheit in der Ukraine einordnet.
Neben diesen Filmen, waren vier weitere Filme Teil des Festivalprogramms, welches hier in voller Länge zu finden sind.
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Titelbild: via UFFB
Bild 1: Filmstill aus „Iron Butterflies“ via UFFB
Bild 2: Filmstill aus „20 Days in Mariupol“ via UFFB
Bild 3: Filmstill aus „Do You Love Me“ via UFFB
Bild 4: Filmstill aus „La Palisade“ via UFFB
