Moskau glaubt den Tränen nicht: Die Zerstörung des erfolgreichsten sowjetischen Oscar-Films

Mit über 84 Millionen sowjetischen Kinozuschauer:innen und einer Oscar-Auszeichnung als bester fremdsprachiger Film kann Moskva slezam ne verit (de.: Moskau glaubt den Tränen nicht) getrost als erfolgreichster sowjetischer Film aller Zeiten bezeichnet werden. Der 1980 erschienene Film zeichnet den Lebensverlauf dreier Frauen von 1958 bis in die späten 1970er Jahre nach, die ihr Glück in der Hauptstadt Moskau suchen. Die Protagonistin Katja entwickelt sich zu einer vereinsamten Fabrikleiterin und alleinerziehenden Mutter einer Tochter. Ihre Lebenserfüllung findet sie erst, als sie dem dominanten Schlosser Goscha begegnet, der die Herrschaft in ihrem Haus übernimmt.

Die (post-)sowjetische Wahrnehmung des Films

In der öffentlichen Wahrnehmung wird Moskau glaubt den Tränen nicht bis heute als ein vergleichsweise ideologiefreier, lebensnaher Sowjetfilm betrachtet, was auch die amerikanische Oscarauszeichnung zu jener Zeit bestärkte. Aus einer kritischen Sicht kann das Sujet jedoch als russisch-nationalistisch und traditionalistisch interpretiert werden, was den Film daher keinesfalls zu einem alltagsnahen, geschweige denn ideologiefreien Werk der Filmkunst macht. Er bringt eine konservative kulturpolitische Tendenz der späten Sowjetunion zum Ausdruck, die bis heute an Aktualität nicht verliert.

Seit den späten 1960er Jahren existierte in der Sowjetunion ein öffentliches Krisenbewusstsein bezüglich der Auflösung traditioneller Geschlechterrollen, das sich über die „Krise der sowjetischen Männer“ artikulierte. Alkoholismus und Passivität der sowjetischen Männer waren dabei die Hauptaspekte. Es stellte sich unausgesprochen die Frage, wie einem in der kommunistischen Diktatur entmündigtem Mann ohne Meinungsfreiheit, Eigentum, Karriere und häufig auch ohne Familie Autorität zurückgegeben werden konnte. Die Antwort hierauf schien die Unterordnung der Frau im Häuslichen zu sein. Zunehmend wurde die volle und gleichberechtigte Berufstätigkeit der Frau in Frage gestellt.

Die Diskussion um die Geschlechterrollen knüpfte an die übergeordnete Modernekritik in der Sowjetunion an, deren Vertreter einen Verlust der russischen Identität befürchteten, der sich im Urbanisierungsprozess, dem Niedergang des russischen Dorfes sowie der Zerstörung von Kulturdenkmälern abzeichnete.

DAS WESTLICHE FEINDBILD

Die antimoderne Diskussion war mit einem westlichen Feindbild vermengt. Moskau glaubt den Tränen nicht zeichnet also das Leben dreier Freundinnen in Moskau nach – Ljudmila ist die femme fatale des Werkes. Die Rolle der femme fatale war für das spätsowjetische Kino typisch und markierte eine materialistisch orientierte, verwestlichte Frau. Im Moskau der 1950er begegnet Ljudmila einem unschuldigen, aber erfolgversprechenden russischen Fußballer aus der Provinz – Sergej -, der bereits Schweden bereiste, was zu jener Zeit für „Normalsterbliche“ sehr ungewöhnlich war. Sie heiratet ihn und erhält dadurch Konsumprodukte aus dem Westen. Die Beziehung selbst endet im Fiasko. Sergej verfällt als prototypischer sowjetischer „Mann in der Krise“ dem Alkohol. Die Rettung des unschuldigen Russen Sergej aus dem verdorbenen Moloch der Verwestlichung geschieht durch dessen Rückkehr in die Provinz, also durch die Wiederbelebung des glorifizierten russischen Dorflebens.

Ein deutlicher westlicher Antagonist des Filmes ist der Fernsehmann Rudolf – eine alte Affäre der Fabrikleiterin Katja und der Vater ihrer Tochter Alexandra.

In den 1950/60er Jahren, zur Zeit des sogenannten „Tauwetters“, galt das Fernsehen als ein liberales Milieu mit innovationsfreudigen jungen Kadern. So ist Rudolf im gesamten Film von der Idee besessen, die (russische) Kultur in einen Flachbildschirmfernseher zu verwandeln, was als verdeckte Kritik der marxistisch-leninistischen Fortschrittsideologie gewertet werden kann, die in der Vorstellung russischer Nationalisten ebenfalls als eine fremde Ideologie des Westens aufgefasst wurde.

Rudolf verführt Katja nicht nur zu ausländischer Musik und trinkt mit ihr Champagner „wie die Aristokraten“, er lässt sie auch noch als alleinstehende Mutter zurück und ändert in den 1970ern seinen ausländischen Namen Rudolf zum russischen Decknamen „Rodion“. Katjas Tochter Alexandra, die bereits inbegriffen ist, der westlichen Popkultur zu verfallen – eine Szene zeigt sie vertieft Boney M.-Musik hörend– versucht Rudolf zum Ende des Filmes in sein Fernsehstudio zu locken, so wie einst Katja.

DAS RUSSISCHe BAUERNIDEAL

Das Ideal unter den drei Frauen ist die bescheidene Antonina. Als Bauarbeiterin lebt sie zwar auch in Moskau, ihre bäuerliche Identität hat sie aber nicht abgelegt, ebenso, wie ihr Mann Nikolaj. Mit völliger Selbstverständlichkeit geht Antonina in der Rolle der dienenden und liebenden Hausfrau auf. Nikolajs Eltern gleichen einem unberührten Bauernideal, das nicht von den Verwerfungen des Stalinismus und den hohen Verlusten des Zweiten Weltkrieges betroffen zu sein scheint. Nikolajs Vater ist seinem Sohn in der Rolle des selbstbewussten Familienpatriarchen ein Vorbild, während Nikolajs Mutter ihre Distanz zu den „verrückten Westeuropäern“ bekundet. Aus dem familiären Datscha-Anwesen errichten Antonina und Nikolaj über die Jahre eine fruchtbare Oase, die dem Traum vom selbstversorgenden Bauern entspricht.

Auch in demographischer Hinsicht erweist sich die Familie als „fruchtbar“, da Antonina dem russischen Volk ganze drei wohlerzogene Söhne schenkt, denen es nicht droht, in die „Krise des sowjetischen Mannes“ zu geraten. Wie auch ihr Vater werden sie den stabilen Lebenszyklus der russischen Bauernfamilie durchleben.

DIE UNTERWERFUNG DER KARRIEREFRAU

Der eigentliche Hauptplot des Filmes dreht sich um die Zähmung Katjas, die den sozialen Aufstieg von einer Arbeiterin zur erfolgreichen Direktorin vollzogen hat. Doch trotz ihrer privilegierten Lebensumstände kann Katja keine Freude am Leben finden, sehnt sich besonders nach einer festen Liebesbeziehung. Moskau glaubt den Tränen nicht behandelt am Beispiel Katjas die Frage, wie das traditionelle Machtverhältnis zwischen Mann und Frau trotz der höheren beruflichen Stellung einer Frau wiederhergestellt werden kann. In anderen Worten: Wie kann der sowjetische Krisenmann mit der sowjetischen Karrierefrau verkuppelt werden?

Die Lösung kommt mit der Figur des rauen Schlossers Goscha. Eine Mischung aus diszipliniertem Proletarier und der sowjetischen Gegenkultur, geprägt von Dissidenten und gewalttätigen Männergruppierungen. Eine Art Proto-Gopnik. Bezüglich einer Beziehung vertritt Goscha klare Prinzipien: die Frau muss eine dem Mann niedere soziale bzw. private Position einnehmen und darf auf keinen Fall mehr Geld verdienen als er. Des Weiteren ist ihre Aufgabe zu kochen (außer Schaschlik, Schaschlik verträgt keine „Frauenhände„) und zu putzen, während einzig und allein der Mann die Entscheidungen trifft. In keinem Fall darf die Frau die Stimme gegenüber ihrem Mann erheben. Als sich Goscha und Katja im Vorortzug begegnen, ist diese von seiner bestimmenden Art eingenommen und verschweigt ihre hohe berufliche Position, um sich ihm anzubiedern. Goscha bestimmt fortan Katjas Leben, verkündet, sie in 5 Tagen zu heiraten. Zum gemeinsamen Wochenendpicknick bestimmt er ihre Kleidung, die sich mit dem traditionellen Kopftuch und dem einfachen Schnitt deutlich von ihrem Direktorinnenkostüm unterscheidet.

Katjas Tochter Alexandra wird derweil von Goscha dazu angehalten, im Haushalt zu helfen, ihren „weiblichen Pflichten“ nachzukommen. Zum Eklat kommt es, als Goscha von Katjas Chefposition erfährt und sie daraufhin verlässt. Durch den Liebesentzug wird diese nun vollständig gefügig gemacht. Dem „Bauer“ Nikolaj gelingt es, Goscha von einer Beziehung mit Katja zu überzeugen. Er kehrt zurück und nimmt als Familienoberhaupt am Tische Platz. Katja schenkt ihm gehorsam Borschtsch-Suppe ein und bewundert ihn mit feuchten Augen, ihr Glück kaum fassend: Wie lange ich doch nach dir gesucht habe…

Eine Liebesbeziehung mit einer erfolgreichen berufstätigen Frau sei möglich, sofern diese bereit sei, sich im Haushalt und dem Familienleben zu unterwerfen, lautete die Botschaft des Filmes. Das „Frauenglück“ liege ohnehin nicht im beruflichen Aufstieg, sodass hier auch die Berufstätigkeit der Frau im Allgemeinen in Zweifel gezogen wurde.

Die Analyse sollte die antimoderne, traditionalistische Botschaft des Filmes Moskau glaubt den Tränen nicht aufzeigen. Auch traditionell und womöglich fälschlicherweise wird dem Film der Ruf eines lebensnahen, ideologiefernen Frauenfilmes und eines Kunstwerks angehängt. Bezeichnend hierfür ist, dass das Kinostudio Mosfilm den Film auf YouTube unter dem Hashtag #strong_woman bewirbt. Den Film gibt es nämlich auch für nicht-Russischsprachige online und kostenlos:


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Fotos in der Titelgrafik © VDNH, RIA & Mosfilm

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